Fürchte dich nicht
Worte, die wir immer wieder hören, haben Wirkung. Im Guten wie im Schlechten. Dr. Benjamin Marx hat sich einem oft genutzten und sehr bekannten Appell der Bibel genähert und untersucht, was es damit auf sich hat; er blickt dabei vorwiegend und sehr gründlich aufs Neue Testament. Dass das akademisch und theologisch daherkommt ist Absicht und hoffentlich zumutbar.
Dieser Beitrage ist im LZA-Journal 1/2026 erschienen.

„Hab´ doch keine Angst, so schlimm ist das doch nicht.“ Kennen wir alle, den Satz, oder? Oft gehört und vermutlich viel zu oft selbst ausgesprochen. Lieb und nett gemeint, aber doch fehl am Platz. Trotzdem begegnet uns genau dieser Satz auch etliche Male in der Bibel: „Fürchte dich nicht!“ Eine einfache Suche in der Einheitsübersetzung ergibt über 50 Treffer. Davon sind über 40 Stellen im Alten Testament zu finden; es ist gerade der Prophet Jesaja, der dieses „fürchte dich nicht“ betont.
Die Furcht erkennen lernen
Im Neuen Testament begegnet uns der Ausdruck besonders in den Evangelienschriften. Hinzu kommen zwei prägnante Stellen zu „Furcht“ bei Paulus (2.Timotheus 1,7) und Johannes (1.Johannes 4,18). „Furcht“ im Sinne von Angst und „Ehr-furcht“ im Sinne von Respekt sind zwar zwei unterschiedliche Konzepte und bedienen sich verschiedenen semantischen Feldern, haben aber auch eine gewisse Überlappung. Schon Mose sprach in der Tora auf zwei Arten von „Furcht“ und „Angst“. Einerseits sollte sich das Volk Israel nicht vor den Völkern im Land fürchten. Und auch Josua sollte sich nicht fürchten: „Denn der HERR, dein Gott, ist mit dir überall, wo du unterwegs bist“. (Josua 1,9) Andererseits sagt Gott, der Herr, dass das Volk sich versammle, damit es lerne Ihn zu fürchten. (5. Mose 4,10) Auch Salomo verweist darauf, dass die Furcht des HERRN aller Weisheit Anfang ist. (Sprüche 1,7)
Im Neuen Testament sagt Jesus: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann!“ (Matthäus 10,28) Kurz darauf hören wir ihn jedoch sagen, dass wir uns nicht fürchten sollen, da wir in Gottes Augen sehr wertvoll sind. (Matthäus 10,31) Auch das Thema „Sorgen“ spielt hier eine große Rolle. Unsere Sorgen, Ängste und Zweifel spiegeln uns wider, was unser höchstes Gut, unser innigstes Streben, unser letztendliches Ziel ist. Dadurch wird auch unser Gottesverständnis sichtbar. Jesus ermutigt uns, uns nicht zu sorgen, denn da ist Jemand, der für uns sorgt. Oder wie Petrus es in der Lutherübersetzung formuliert: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch“. (1. Petrus 5,7) Es ist echt spannend, uns einmal das „Fürchte dich nicht!“ im Kontext von Jesu Leben und Wirken anzuschauen.
Zuspruch, der es in sich hat
Bei der Geburtserzählung Jesu erscheint ein Engel. Dreimal sagt er: „Fürchte dich nicht!“. Zum einem ermutigt er Zacharias, (Lukas 1,13) dann Maria (Lukas 1,30) und später noch die Hirten auf dem Felde (11 Lukas 2,19) keine Angst zu haben. Schon bei der Geburt Jesu nehmen wir also wahr, dass dieses „fürchte dich nicht“ im Zusammenhang mit übernatürlichen, göttlichen Wesen zu finden ist. Dieser Ausspruch begegnet uns aber auch auf Jesu Lippen selbst. Mitten in seinem Dienst schickt Jesus seine Jünger in einem Boot fort. Er verabschiedet die Menschenmenge und unternimmt dann einen Spaziergang auf dem Wasser. Als die Jünger Jesus im Sturm auf dem Wasser erblicken, geraten sie in Panik. Doch Jesus spricht sofort zu ihnen: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ (Matthäus 14,27) Das klingt doch sehr nach der Ermutigung und dem Zuspruch Gottes an Josua. Josua soll sich nicht fürchten, beziehungsweise keine Angst haben, da ja Gott selbst mit ihm auf seinen Wegen ist.
Dass Jesus diese Rolle Gottes einnimmt, sehen wir auch als Jesus mit Petrus, Jakobus und Johannes auf einen Berg steigt. Dort wird Jesus verwandelt, so dass „sein Gesicht leuchtete, wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht“. (Matthäus 17,2) Dann erscheinen auch noch Moses und Elija und reden mit Jesus. Aber noch viel imposanter als diese zwei Personen, ist die Stimme aus der Wolke, die da sagt: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören“. (Matthäus 17,5) Als die Jünger das hören, werfen sie sich zu Boden und Angst erfüllt sie. „Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf und fürchtet euch nicht!“ (Matthäus 17,7) Jesus ist bei ihnen, er ist da. Fürchte dich nicht, dein Gott ist mit dir.
Viel Grund zur Furchtlosigkeit
Als Johannes später in seinem Leben dem Auferstandenen begegnet, schreibt er: „Als ich ihn sah, fiel ich wie tot vor seinen Füßen nieder. Er aber legte seine rechte Hand auf mich und sagte: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch siehe, ich lebe in alle Ewigkeit und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.“ (Offenbarung 1,17–18) Auch hier ist das sich nicht fürchten christologisch verankert. Wir brauchen uns nicht fürchten, denn er ist der Erste und der Letzte und der Lebendige. Gott ist mit uns, und so wird bei Jesu Einzug in Jerusalem der Prophet Sacharja zitiert: „Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt; er sitzt auf dem Fohlen einer Eselin“. (Johannes 12,15: Sacharja 9,9) Dein König ist da. Der Herr, dein Gott, ist mit dir. Jesus ist Immanuel: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“. (18 Matthäus 28,20)
Dieser König ist immer mit uns. Er hat es uns versprochen. Und, er versprach uns den Heiligen Geist als Beistand zu schicken. (Siehe z.B. Johannes 14,16) Paulus schreibt über diesen Geist: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Timotheus 1,7) Es geht um Kraft, Liebe, Besonnenheit. Es geht um Mut, um ein sich-nicht-fürchten.
Jesus selbst ermutigt Paulus in Korinth und spricht: „Fürchte dich nicht! Rede nur, schweige nicht! Denn ich bin mit dir.“ (Apostelgeschichte 18,9–10) Wieder dieses „fürchte dich nicht, denn ich bin mit Dir.“ Auf dem Weg nach Rom ermutigt ein Engel Gottes Paulus, wodurch der Apostel wiederum andere ermutigen kann. (Apostelgeschichte 27,23–26) Wir, die wir zu diesem Gott der Ermutigung gehören, dürfen deshalb getrost in den Tag, in das Leben treten. Denn wir wissen, da ist einer mit uns: Immanuel. Also „habt Mut: Ich [Jesus] habe die Welt besiegt“. (Johannes 16,33) Fürchtet euch nicht!
Dr. Benjamin „Benni“ Marx ist verheiratet mit Daniela, Vater von vier Söhnen und Dozent am Theologischen Seminar. Er fährt gern Rad, spricht fließend spanisch und feiert das Leben.