Wir forschen und lehren

Was das Arbeiten an einem theologischen Seminar so besonders macht, erklären Dr. Jürgen Schulz, Dr. Andreas Käser und Dr. Rahel Siebald in ihrem gemeinsamen Artikel des Rektoratteams. Sie erklären auch, warum wir nicht nur lehren, sondern auch forschen, welchem Ziel wir folgen, welche Gefahren lauern und welche Rolle Gott dabei spielt.

Dieser Beitrage ist im LZA-Journal 3/2025 erschienen.

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Können wir das Feuer der Erweckung weitertragen? Immerhin ist das Theologische Seminar – in den Anfängen noch Bibelschule genannt – mit diesem Ziel angetreten. Für die Antwort ist entscheidend, wie die Frage verstanden wird. Sieht jemand in dieser Frage den Anspruch versteckt, dass sich durch unsere Ausbildung an den Dienstorten von Adelshofenern auf jeden Fall erweckliche Aufbrüche ereignen werden, ist die Antwort ein entschiedenes Nein. Gottes Geist weht, wo er will (Johannes 3,8) und keine methodische Herangehensweise hat eine so grundsätzliche Wirksamkeit, dass erweckliche Aufbrüche garantiert sind.

Beurteilen

Verstehen wir die Frage aber von den Rahmenbedingungen her, unter denen das Feuer der Erweckung gut weitergetragen werden kann, fragt jemand also danach, was für ein erwecktes Glaubensleben entscheidend ist, dann ist die Antwort ebenso entschieden ein Ja. Als Christinnen und Christen glauben wir, dass Gott sich uns Menschen offenbart hat. Die ganze Schöpfung bezeugt ihn. Durch Jesus lebte Gott mitten unter den Menschen. Und der Heilige Geist wirkt auch heute noch. Mehr noch: Wir glauben, dass Gott sich in besonderer Weise in seinem Wort, der Heiligen Schrift, offenbart. Der dreieinige Gott lädt uns ein hinzusehen, uns selbst ein Urteil über ihn zu bilden und entsprechend unseres Glaubens dann auch zu handeln. Der Gott, an den wir als Christen glauben, möchte nicht einfach nur eine lose Idee sein, oder eine persönliche Vorstellung des Einzelnen. Gott selbst lädt uns Menschen ein, mit ihm unterwegs zu sein. Er möchte, dass wir ihn kennenlernen, ihn erforschen und über ihn staunen. Diese Neugierde über Gott und das Leben ist wesentlich, damit das Feuer der Erweckung nicht erlischt. Ein erwecktes geistliches Leben und Forschung sind untrennbar miteinander verbunden. Ja, es geht tatsächlich um Forschung. Beim Wort „Forschung“ gehen vermutlich ganz unterschiedliche Schubladen in unseren Köpfen auf. Manch eine mag an die langen Nächte ihrer Bachelorarbeit denken, jemand anders denkt vielleicht an ein Labor und die großen Durchbrüche in der Medizin oder Humboldts Entdeckerreisen zu anderen Kulturen und Erdteilen, oder vielleicht bleibt der Begriff in Ihrem Kopf auch seltsam abstrakt, da geht gar keine Schublade auf und Sie fragen: Forschung, wozu brauchen wir das überhaupt? Reicht nicht oft der gesunde Menschenverstand? Aber man kann die Frage auch umkehren: Ist ein Leben ohne Forschung eigentlich denkbar? So sehr Forschung heute zum wissenschaftlichen Alltag gehört, im Kern bleibt es schlicht Neugierde. Im Lukasevangelium lesen wir von einer besonderen Begegnung zwischen einem Chor von Engeln und Hirten auf dem Feld. Einfache Männer, die voller Neugierde und Staunen nach Bethlehem liefen, um nachzuforschen: Stimmt das, was die Engel gesagt haben?

Begreifen

Neugierde regt uns an, zu fragen: Wer ist dieser Gott, was sagt er über die Welt, über das Menschsein, die Gesellschaft, die Zukunft, über Arbeit, Essen, Politik und Künstliche Intelligenz (KI)? Was Gott in die Welt hineingelegt hat, das ist es wert, ihm nachzuspüren. Forschung bedeutet die Welt und diese Werte zu entdecken. Die Verlässlichkeit der Naturgesetze zu entdecken, sich beim Staunen über all das Kreative und Schöne zu verlieren und einfach erstmal hinzuhören. Auf den ersten Seiten der Bibel lesen wir von dem Forscherdrang, den Gott den Menschen gegeben hat. Tiere sollen Namen erhal-ten, ein Garten bebaut und bewahrt werden und neues Leben soll entstehen. Forschung fängt mit den grundlegenden Dingen des Glaubens und Lebens an. Das gilt für Theologie genauso wie für andere wissenschaftliche Disziplinen. Wer ist Jesus Christus, was bedeutet es an ihn zu glauben? Warum sprechen Christen von Bekehrung und wieso ist ihnen die Taufe so wichtig? In welchen Sprachen wurden die biblischen Schriften verfasst und wie verändert sich mein Glaube, wenn ich die biblischen Sprachen lerne? Das Feuer der Erweckung weitertragen bedeutet, sich gemeinsam mit anderen auf den Weg zu machen, ihre Fragen zu hören und abzuwarten. Ähnlich wie Paulus in Athen setzen auch wir uns mit der Kultur und dem Glauben der Menschen auseinander. Wir wollen unsere Gesellschaft verstehen und Hoffnung und Zuversicht verbreiten. Wenn wir so dem Leben und den Mitmenschen begegnen, dann wissen wir am Anfang nicht, wo wir am Ende ankommen werden. Das Ergebnis ist offen. Das bedeutet aber nicht, dass alles relativ ist. Forschen bedeutet vielmehr zu erkunden, was wir noch nicht kennen und wissen.

Beachten

Und hier wird es jetzt kniffelig. Wenn das Ergebnis offen ist, dann wissen wir ja noch gar nicht, ob das, womit wir uns beschäftigen, das, was wir erforschen, eigentlich irgendjemandem weiterhilft. Es gibt ja auch sehr unnützes Wissen. Ein bekanntes englisches Zitat bringt es auf den Punkt: „Knowledge is knowing that a tomato is a fruit. Wisdom is knowing not to put it in a fruit salad.” [Wissen bedeutet, dass man weiß, dass eine Tomate eine Frucht ist. Weisheit bedeutet, sie nicht in einen Fruchtsalat zu mischen.] Wissen ist nicht gleich Weisheit, weil Weisheit bedeutet, in bestimmten Situationen des Lebens, das angemessen anzuwenden, was man weiß. Gerade in den unendlichen Weiten des Internets gibt es auch unglaublich viel unanwendbares Wissen. Fakten, die uns bei Günther Jauch weiterhelfen, aber sonst nur wenig im Leben. Und die antiken Philosophen und Kirchenväter waren sogar besorgt, dass sich Neugier – ähnlich wie Völlerei oder sexuelle Zügellosigkeit – negativ auf den Menschen auswirken kann. Und so folgt dem Schöpfungsbericht auch der Turmbau zu Babel, in dem der Mensch über die ihm gesetzten Grenzen hinausgeht. Das heißt, es gibt auch eine ungute Wissbegierde in uns Menschen, die kontrollieren will, die stolz vorführen will, wie kompetent sie ist.

Bewähren

Und trotzdem braucht Forschung auch den Mut, Gedanken, Ideen und Fragen nachzugehen, die erstmal abwegig erscheinen, die nicht sofort und vielleicht nie einen Ertrag bringen. Man nennt das auch Grundlagenforschung. Sie will grundsätzlich die Grenzen menschlichen Wissens erweitern – ob die Erforschung der DNA, Einsteins Beiträge zum Verständnis von Raum und Zeit, oder manche Wortstudien in den Bibelwissenschaften oder historisch-soziologische Analysen. Deshalb wirkt Forschung manchmal ziellos, braucht Zeit, Geld und Geduld. Forschung ist immer eine Investition. Aber es lohnt sich auf zwei Ebenen. Einerseits natürlich, weil uns die Erkenntnisse, die wir gewinnen, weiterführen. Uns unsere Welt verstehen lassen, Gott oder unsere Mitmenschen. Aber auch, weil beim Forschen etwas passiert; wir lernen denken, wir lernen „heilige Gelassenheit“, und das hilft uns, ganz anders im Dienst zu stehen und vor bestimmten Fragen nicht einzuknicken. Deshalb ist uns Forschung am Theologischen Seminar wichtig. Wir glauben, dass Forschung Grundlagen für die nächste Generation legt, dass Forschung hilft, dass wir ein echtes Feuer weitergeben und nicht nur die Asche weitertragen. Und gleichzeitig wissen wir auch um die Grenzen unseres menschlichen Forschungsdrangs. Hier gibt es nur ein Gegenmittel, nämlich dass wir uns immer wieder auch hinterfragen, wovon unsere Projekte und Fragen getrieben sind – von Stolz und der Sehnsucht nach einem bestimmten Image, oder von Liebe zu Gott, zu seiner Welt und zu den Menschen um uns.

Dr. Jürgen Schulz, Rektor des Theologischen Seminars
Dr. Andreas Käser, Studienleiter und Dozent für Altes Testament
Dr. Rahel Siebald, Dozentin für Systematische Theologie